Psychologische Themen
Ausführliche Texte zu zentralen Themen meiner Praxis – verstehen, einordnen, eigene Wege finden.
Angst
Wie Angst entsteht
Angst ist ein universales Problem, das bei nahezu allen psychischen Problemen beteiligt ist. Entweder spüren wir die Angst, sie ist uns also bewusst. Oder sie steuert unser Verhalten und Erleben auf unbewusste Weise. Dies ist meistens bei psychosomatischen Beschwerden, aber auch bei vielen anderen Problemen wie z. B. Abhängigkeit und Sucht der Fall. Sofern wir die Angst überhaupt wahrnehmen, glauben wir meistens, dass ihre Ursache außerhalb unseres Denkens liegt, in der gegenwärtigen bedrohlichen Situation oder in Befürchtungen, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Wir sind uns meistens nicht bewusst, dass die Wurzeln der Angst in den Erinnerungen aus der Vergangenheit liegen. Durch das, was wir in der Vergangenheit als unangenehm oder sogar bedrohlich erlebt haben, wird festgelegt, was uns Angst macht. Deshalb haben die verschiedenen Menschen vor ganz unterschiedlichen Problemen Angst.
In der echten Gefahrensituation beschäftigen wir uns nicht mit Angst, sondern handeln, um der Gefahr zu entkommen. In einer akuten Gefahr leben wir ganz und gar in der Gegenwart. Nur vorher oder hinterher können wir die Angst empfinden. Denn Angst erfordert Zeit für das Gehirn, um sich auf der Grundlage der alten Erfahrungen, die als Erinnerungen abgespeichert sind, eine Vorstellung von einer möglichen oder fantasierten Gefahr zu machen. Angst ist immer mit einer Vorstellung, die wir uns machen, einer Erwartung verbunden. Ausgangspunkt aller Ängste sind deshalb immer vergangene Erfahrungen, und zwar positive wie negative. Wir haben negative Erfahrungen gesammelt, die mit negativen Gefühlen verbunden sind. Unser Gehirn, unser Denken stellt allerhand an, damit diese negativen Gefühle nicht wieder hochkommen. Außerdem versucht das Gehirn positive Gefühle, die es erlebt hat, festzuhalten oder wiederherzustellen. Beide Prozesse produzieren Angst. Die negativen Erinnerungen vermeiden zu wollen, geht mit Angst einher genauso wie der Versuch, das Positive festhalten zu wollen, weil dann unterschwellig die Angst mitschwingt, es nicht zu schaffen. Dieser Prozess ist jedoch nicht vollkommen bewusst, weil die angstvolle Denktätigkeit eine Bewegung ist, die weg will von den negativen Erinnerungen. In der Angst versuchen wir, ohne es zu merken, dem aus dem Wege zu gehen, was ihre Ursache ist.
Wozu ist die Angst gut?
Die Angst schreit: „Komm auf den Boden der Tatsachen! Schau genau hin, was hier geschieht, und verliere dich nicht in deine Gedankenwelt. Wenn du dich weiter unter Druck setzt, wird es dir nicht besser gehen.“ Die Wahrnehmung der Wirklichkeit, so wie sie ist, erzeugt keine Angst, nur der Widerstand dagegen. Danke, liebe Angst, dass du mir die Augen öffnest, dass ich gerade die Realität wieder einmal anders haben will, als sie ist. Dann werde ich ruhig und schaue, was wirklich geschieht. Beim Klopfen geht das viel leichter.
Freiheit
Wenn die Abendsonne
blutrot im Meer ertrinkt
mit dem letzten noch sichtbaren Glühen
den Abschied nimmt.
Wenn der Himmel, die Wolken
in sanft erlöschender Pracht
ein Feuerwerk feiern
zur Begrüßung der beginnenden Nacht.
Wenn der Fahrtwind des Schiffes
die kommende Kühle verkündet
und mich mit dem Wasser der salzigen Luft
beim Atmen verbindet.
Wenn ich dann aufhöre zu denken
„oh ist das schön“,
mir auch nicht mehr wünsche,
es möglichst bald wiederzusehen.
Wenn ich weiß, Kummer und Ärger
sind nur Vergangenheit,
erst durch das ewige Denken
blühen auf frühe Ängste heute erneut.
Wenn ich mit Klarheit sehe,
das Leben ist immer jungfräulich frisch,
haben keine Wünsche,
keine Angst
und kein Mensch
mehr Macht über mich.
Dann leb ich in Freiheit,
alles zu schauen, zu riechen, zu spüren.
Lass' mich nicht mehr ins Gedankengefängnis
von Sorge und Hoffnung verführen,
werd' nicht mehr vom Alten,
von gestrigen Ängsten gehetzt.
Leben will leben,
voll Liebe,
ohne Schranken
und Jetzt. — W. S.
Mein Therapieansatz
Zentrales Element der Bewältigung von Ängsten ist das Wahrnehmen und Auseinandersetzen mit den alten Erinnerungen. „Alte“ Erinnerungen müssen nicht viele Jahre alt sein, sie können auch gestern entstanden sein. Alles, was nicht in der Gegenwart geschieht, ist in diesem Sinne „alt“. Schlimme Erlebnisse oder Lebensumstände aus der Kindheit können genauso Ängste produzieren wie Traumatisierungen, d. h. seelische Verletzungen, die erst in jüngster Zeit geschehen sind.
Ich lege in der Therapie sehr viel Wert darauf, dass die Patienten die Mechanismen der Angst verstehen. Dabei geht es nicht darum, eine psychologische Theorie der Angst zu verstehen, sondern entscheidend ist, dass die Patienten mit meiner Hilfestellung durch Selbstbeobachtung herausfinden, wie die Angst in ihnen entsteht und funktioniert. Das bedeutet, dass man aufhört, die Angst „wegmachen“ zu wollen, sondern dass man sich der Angst und ihren Wurzeln stellt. Wenn man vor der Angst nicht mehr wegläuft, entsteht ein heilsamer Prozess, durch den Angstfreiheit möglich wird.
Klopfen verbessert enorm die Angstbewältigung. Je besser der Wirkmechanismus des Klopfens verstanden wird, umso größer ist die Bereitschaft, auch allein zu klopfen, wenn Angst oder andere negative Gefühle auftauchen.
Aspekte der Panikstörung
Therapie der Angststörungen – wohin gehen die Psychologischen Psychotherapeuten? Kann die Entwicklung allein den Wissenschaftlern überlassen bleiben?
Einleitung
Im report psychologie 1/2005 wurde die Ausgabe „Panikattacken“ der Deutschen Angst-Zeitschrift beigelegt. Sie scheint einen Trend in der Psychotherapie von Angststörungen wiederzugeben. Als Psychotherapeut lehne ich die in dieser Zeitschrift vorgestellten Therapiekonzepte in zwei wesentlichen Punkten ab:
- Die kritiklose Kombination von Psychotherapie mit Medikamenten
- Das Ignorieren der Todesangst bei Panikattacken
1. Die kritiklose Kombination von Psychotherapie mit Medikamenten
In allen Artikeln wird die Behandlung von Panikattacken durch Medikamente völlig unkritisch gesehen, ja teilweise sogar als die Behandlung erster Wahl beschrieben. Die Angststörungen, zu denen auch die Panikattacken gehören, entstehen durch Konditionierungsprozesse und führen bei Löschungsresistenz zur andauernden Wiederholung von Angstzuständen und deshalb häufig zur Chronifizierung.
Haben die psychologischen Kollegen, die solche Konzepte der medikamentösen Angstbehandlung mittragen, vergessen, dass der Kern aller Angststörungen die sich immer wiederholenden Flucht- und Vermeidungsreaktionen sind, die eine Löschung der Angst verhindern? Jede Einnahme eines Medikaments gegen Angststörungen ist – unabhängig von der pharmakologischen Wirkung – ein solches Vermeidungsverhalten, auch wenn parallel eine Psychotherapie durchgeführt wird. Wenn die Patienten erst einmal daran gewöhnt sind, in der Angst zur Tablette zu greifen, sei es ein Antidepressivum, ein Betablocker oder gar ein Tranquilizer, ist es für sie oft sehr schwierig, sich mit der Angst und ihren Wurzeln so auseinander zu setzen, dass eine Angstbewältigung ohne Tabletten vorstellbar wird. Eine Angstbehandlung mit Tabletten verhindert meistens eine wirkliche Löschung der Angst und verstärkt deshalb häufig die Chronifizierung der Störung.
Eine medikamentöse Behandlung von Angststörungen ist nur als Notfallmaßnahme vertretbar, wenn keine Psychotherapie möglich ist, weil kein Therapieplatz zur Verfügung steht oder weil die Symptomatik so akut bedrohlich ist, dass kurzfristige Symptomlinderung Vorrang hat, oder weil andere Psychotherapiehindernisse bestehen.
In solchen Fällen muss aber auch der Patient über das Problem der Chronifizierung durch das Vermeidungsverhalten „Einnahme von Medikamenten gegen die Angst“ aufgeklärt werden. Die Aufklärung über dieses Medikamentenrisiko muss auf die Folgen der psychischen Abhängigkeit hinweisen, die bei Angststörungen sehr ausgeprägt sein können und oft von einer körperlichen Abhängigkeit gar nicht richtig zu unterscheiden sind. Welche Ärzte, die Psychopharmaka gegen Angststörungen verschreiben, sind über diese Zusammenhänge so informiert, dass sie die Patienten adäquat aufklären können? Meist beschränken sie sich auf Hinweise über die körperliche Abhängigkeit durch Tranquilizer, wenn überhaupt. Psychologen verfügen über dieses fachliche Wissen. Setzen wir es im Interesse unserer Patienten ein?
Als Psychotherapeut ist es ziemlich schwierig, dieses Vermeidungsverhalten durch Medikamente, das oft eine zumindest psychische Abhängigkeit verursacht, zu bearbeiten. Denn der Patient gerät dabei schnell in einen für ihn undurchschaubaren Konflikt zwischen dem Psychologen und dem Arzt, der ihn oft zu den Medikamenten überredet hat mit der Beruhigung, dass die von ihm verschriebenen Medikamente keine Abhängigkeit machen. Aber es ist therapeutisch notwendig, dass der Patient in der Auseinandersetzung mit seiner Angst wieder Vertrauen zu sich selbst findet und sein Selbstvertrauen nicht mehr auf Medikamente aufbaut, jedenfalls dann, wenn er dauerhaft seine Angststörung bewältigen will. Diese ganze Problematik wird in keinem Artikel dieser „Angstzeitung“ auch nur erwähnt. Streckenweise liest sie sich wie eine Propagandabroschüre für die Flucht in die Medikamente. Sogar die körperlich abhängig machenden Benzodiazepine, die so oft Psychotherapien von Angststörungen scheitern lassen, werden kaum problematisiert.
2. Das Ignorieren der Todesangst bei Panikattacken
Ein zentrales Thema bei fast jeder Angststörung ist die unterschwellige Todesangst, die manchmal von den Patienten angesprochen wird, sehr oft aber als Thema vermieden wird, weil sie zu bedrohlich erscheint.
Als Therapeuten kennen wir die besondere Problematik verdrängter Ängste und die Notwendigkeit, sie zu bearbeiten, wenn ein dauerhafter Therapieerfolg erreicht werden soll. Viele Patienten mit Panikattacken berichten sehr bereitwillig von ihrer Todesangst, die sie meist bei der ersten Panikattacke erlebt haben und die den Teufelskreis der Angst vor solch schrecklichen Angstzuständen verursacht hat. Jedenfalls sprechen die Patienten dann über diese Todesängste, wenn ich als Therapeut gezielt danach frage und damit zeige, dass ich vor diesem Thema keine Angst habe und damit auch umzugehen vermag.
Die gesellschaftliche Tabuisierung des Todes und der darauf bezogenen Ängste ist m. E. ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung verschiedener Angststörungen und auch von Depressionen und anderen psychischen Problemen.
Der ausgezeichnete Artikel über die Nahtoderfahrung in demselben report von Joachim Nicolay belegt doch sehr beeindruckend, dass ein Bewusstwerden des Todes das Leben eines Menschen nachhaltig verändert, und zwar in positiver Hinsicht. Er berichtet über verschiedene internationale Studien, die belegen, dass Nahtoderfahrungen Ängste nachhaltig reduzieren und zu einer sozialeren Einstellung führen sowie eine Zunahme des Selbstwertgefühls und des Vertrauens in die Zukunft bewirken.
Diese Erkenntnisse haben nicht nur eine Bedeutung für die Behandlung von Patienten mit einer Nahtoderfahrung, sondern weisen meiner Meinung nach auf die große Bedeutung der Todesängste in der Psychotherapie hin. Ich glaube nicht, dass die Psychotherapie einer Störung, bei der eine Todesangst im Hintergrund steht, wirkliche dauerhafte Fortschritte zu erzielen vermag, wenn die Todesangst genauso tabuisiert wird wie in der Gesellschaft. Der Patient bleibt in diesen Ängsten gefangen und hat nur kurzfristige Erleichterung während der Therapie. Das ist nach meiner Erfahrung ein weiterer wesentlicher Aspekt, weshalb viele psychische Störungen und vor allem auch Angststörungen zur Chronifizierung neigen.
Die Bearbeitung der Todesangst erfordert allerdings auch eine Bereitschaft der Therapeuten, in die Tiefe der noch verdeckten Ängste zu gehen. Ich halte es für erforderlich, dass wir Psychotherapeuten uns mit den tiefgreifenden Auswirkungen unserer durch den Tod begrenzten Existenz auf das Denken und Fühlen intensiver auseinandersetzen. Wir haben wie die Gesellschaft insgesamt bei diesem Thema einen erheblichen Klärungsbedarf.
Es ist Ausdruck des schwachen Niveaus dieser Zeitschrift über Panikattacken, dass 28 Seiten gefüllt werden, ohne das Thema „Todesangst“ zu besprechen, das kognitiv und emotional oft im Mittelpunkt des inneren Erlebens des Patienten steht. Die „Angstspezialisten“ in der Zeitschrift vermeiden offenbar genauso wie die Patienten mit Angststörungen, sich mit der Heftigkeit der Angst und ihren Wurzeln in der Todesangst zu konfrontieren. Sie täuschen stattdessen ein „wissenschaftliches“ Behandlungsniveau vor durch eine umfangreiche Beschäftigung mit biologischen und neuropsychologischen Aspekten dieser Störungen. Dadurch wird indirekt auch die Selbstverständlichkeit der Medikamenteneinnahme unterstrichen.
Hintergründe?
Ich sehe den Zusammenhang zwischen diesen beiden Aspekten darin, dass bei nur oberflächlicher, aber nicht nachhaltiger Wirkung der Psychotherapie kritiklos die Einnahme von Medikamenten propagiert wird. Kann es sein, dass sich hier gerade die forschende, „wissenschaftliche“ Psychotherapie profiliert? Wie viele „wissenschaftlich“ an Angststörungen arbeitende Psychologen sind eigentlich schon von Pharmafirmen über die Finanzierung von Studien gesponsert worden?
Mit solchen Behandlungskonzepten erhalten wir uns unsere Patienten, welche die Angststörungen nicht wirklich loswerden. Oder produzieren wir gar die Notwendigkeit zu immer neuen Behandlungen, so wie es in der Psychiatrie oft der Fall ist?
Wollen wir wirklich auf diesen Zug aufspringen? Berufspolitisch verspielen wir mit solchen Therapierezepten unseren Ruf, eine wirkliche Hilfe zur Lösung der Probleme, zur Bewältigung von Störungen anzubieten. Viele Patienten suchen die Alternative zur pharmakologischen Verdrängung von Symptomen und Ängsten, weil sie wissen oder ahnen, dass die Medikamente oft nicht wirklich helfen, sondern zur Dauerbehandlung führen. Wir müssen uns damit auseinander setzen, wieweit diese Konzepte den Patienten schaden, was jedoch kaum erforscht wird.
Kein Resümee, nur offene Fragen
Seit 28 Jahren arbeite ich in der Psychiatrie und als Psychotherapeut. Beim Lesen dieser Beilage „Deutsche Angst-Zeitschrift“ zur Fachzeitschrift meines Berufsverbandes hatte ich das Gefühl, aus dem heutigen Mainstream der Psychotherapie herausgefallen zu sein. Ist das der Trend, den die Psychologische Psychotherapie geht? Gibt es Kolleginnen und Kollegen, die an einer ernsthaften Erörterung dieser beiden Themen, Psychopharmaka bei Angststörungen und die Bedeutung der Todesangst in der Psychotherapie, interessiert sind? Macht es Sinn, sich damit gemeinsam kritisch auseinander zu setzen?
Dieser Artikel wurde auf der Website des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen sowie in einer gekürzten Fassung als Leserbrief in der Fachzeitung des BDP „report psychologie“ veröffentlicht.
Meine persönlichen Erfahrungen mit der Angst
Das Erkennen der Angst
Meine verborgenen Ängste werden mir immer bewusster, je klarer ich begreife:
Meine ganz persönliche Innenwelt und die Welt dort draußen mit all den menschenunwürdigen Geschehnissen unterscheiden sich in tiefsten Kern nicht grundsätzlich.
In meiner Innenwelt spielt sich das gleiche Grundmuster ab, wie bei den rücksichtslosesten Menschen draußen, nämlich ICH ist immer wieder das Wichtigste auf der Welt.
Alle anderen Unterschiede zwischen uns Menschen sind nur oberflächlich, begründet durch die Umstände, in denen der Einzelne lebt, aber in unserer inneren Natur, in der Angst um das ICH, sind wir gleich. Kein Mensch ist von Grund auf besser als die anderen. Jeder kann das für sich erkennen.
Ich muss mir eingestehen, dass ich in meinen Fantasien manchmal unerbittlich und auch gewalttätig bin. Ich kann nicht dafür garantieren, dass ich unter ärmeren oder gewalttätigeren oder vom Reichtum besessenen Umständen so relativ friedlich geblieben wäre. Ich erinnere mich auch gut an Zeiten, in denen ich Gewalt offen gerechtfertigt habe und zwar je nach persönlicher Lebenslage, z. B. als Soldat und Christ gegen die Kommunisten, als Student und Atheist gegen die Kapitalisten usw.
Ich sehe immer deutlicher: Wenn ich nicht achtsam gegenüber dem automatischen Reagieren des ICH bin, setze ich in meinem Lebensalltag meine Interessen und Bedürfnisse auch auf Kosten anderer durch. Das Geld bestimmt manchmal mein unfreundliches Verhalten gegenüber anderen Menschen, oder ich rede schlecht über sie oder trickse sie mit Raffinesse aus, damit sie meine Wünsche erfüllen. Oder ich halte mich insgeheim für einen besseren Menschen, trotz oder wohl gerade wegen des Ideals von Gleichheit, hinter dem man die Überheblichkeit so gut verstecken kann.
Als mir diese Zusammenhänge zwischen dem ICH, der Angst und meiner häufigen Lebensunzufriedenheit bewusst wurden und ich für meine Person die Notwendigkeit anders zu leben einsah, öffneten sich innerlich zwei „Räume“:
- ein ungeheuer befreiendes Gefühl eines tiefen Verstehens macht sich breit und berührt mich so oft.
- Manchmal bekomme ich aber auch mehr Angst, oder genauer gesagt, spüre ich meine tiefsitzenden existentiellen Ängste intensiver:
- Angst, dass meine Entdeckungen nichts wert und vielleicht nur neue Tricks des ICH zu seiner Absicherung sein könnten.
- Angst, dass ich mit diesen Einsichten nicht mehr in diese Gesellschaft, von der ich abhängig bin, passe und dass niemand in meinem Umfeld mich versteht und ich mich einsam fühle.
- Angst, dass es ein sinnloser Kampf sein könnte, sich gegen das überwältigende Ausmaß an Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten zu wehren, dass ich letztlich alles Leid doch hinnehmen muss.
- Angst, dass ich mir nur einbilde, wie schlimm die Welt ist, und mich nur in diese Vorstellung hineingesteigert habe.
- Angst, dass ich die Schönheit der Welt und des Lebens nicht mehr erleben und fühlen kann, wenn ich immer die schrecklichen Dinge bewusst wahrnehme.
- Angst, dass es in der Zukunft auf und in dieser Welt nur noch schlimmer werden kann.
- Angst, dass mit dem Aufgeben des gedanklichen Kreisens um mein ICH nichts übrig bleibt, was mir innere Sicherheit geben kann.
- Angst, dass durch diese Einsichten in die universelle Struktur der Angst mein Leben von Verzweiflung geprägt oder sinnlos sein könnte.
- Angst zu sterben, ohne richtig gelebt zu haben.
Die Beobachtung der Angst
Diese Existenzängste sind sehr heftige Ängste, die ich wie die meisten Menschen lange Zeit nicht hochkommen lassen wollte. Wir alle wollen doch lieber den Raum der Freiheit betreten und nicht in den Raum der Angst gehen. Aber trotz der Sehnsucht nach dem Angenehmen und dem Vermeiden-Wollen der negativen Gefühle, ist mir doch vollständig klar:
Wenn ich vor einer Angst wegzulaufen versuche, wird sie immer größer. Der Kampf gegen die Angst verbraucht alle verfügbaren Energien.
Das habe ich bei mir selbst und bei Hunderten von Patienten genauso wie im Freundes- und Bekanntenkreis erlebt.
Das gilt nicht nur für die „kleinen“ alltäglichen Ängste, sondern auch für die tiefliegenden existentiellen Ängste, aus denen heraus die Alltagsängste entstehen. Weil ich also für mich zweifelsfrei erkannt habe, dass alle Ängste, egal ob „klein“ oder „groß“, auf Dauer gesehen zunehmen, wenn ich sie zu bekämpfen versuche, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mich diesen Ängsten zu stellen, wenn immer sie auftauchen. Das tue ich nicht aufgrund besonderer psychologischer Konzepte, sondern weil ich mich einfach nicht mehr davor drücken kann, ohne dass die Angst und ihre Nebenwirkungen noch mehr zunehmen. Denn wenn man diesen Angstmechanismus durchschaut, kann man die Angst immer weniger verdrängen. Stattdessen beobachte ich zunehmend wie selbstverständlich, was innerhalb und außerhalb von mir gerade geschieht, immer wenn ich Anzeichen von Angst in mir spüre, egal ob sie die verdeckte Form von Stress, Unzufriedenheit, Gier usw. annehmen oder ob die Ängste als gesundheitliche oder soziale Bedrohung auftreten.
Um in dem Bild der beiden inneren Räume zu bleiben, bedeutet dies: Wenn der Raum der Angst sich geöffnet hat, muss ich ihn auch durchschreiten und der Tatsache ins Gesicht schauen, dass ich bereits drin bin. Der Raum der Freiheit öffnet sich erst hinter dem Raum der Angst, durch den ich gehen muss. Wenn ich versuche aus dem Raum der Angst zu fliehen, wird er immer größer; unermesslich weit kann er werden, wenn ich ihm entkommen will.
Indem ich mich der Angst und allen ihren Erscheinungsformen, die ich als Unwohlsein empfinde, zuwende, ohne ausweichen zu wollen, entdecke ich,
- dass dieses ICH, das sich immer verteidigen oder rechtfertigen will, das sich von anderen Menschen oder den Umständen bedroht fühlt, aus nichts anderem besteht als aus Angst,
- dass die Angst nur zu einem kleinen Teil als Angst empfunden wird und dass ich viele unsinnige, destruktive und ungesunde Dinge aus einer verborgenen Angst heraus tue, ohne sofort die Angst dahinter zu merken, ohne das Gefühl von Ängstlichkeit,
- dass die verborgene Angst sich in unendlich viele Formen verkleidet und z. B. als Wut, Traurigkeit, Neid, Eifersucht, Streit, Jagd nach Vergnügen und in allen Arten von Sucht und inneren Zwängen, in Machtstreben und Geldgier usw. und besonders oft in Form von Stress daherkommt,
- dass ich mir am liebsten einreden würde, dass ich keine Angst zu haben brauche, was mir nie wirklich gelingt,
- dass das Bemühen, die Angst zu verdrängen, zu Unzufriedenheit, innerer Unruhe bis hin zu vielen psychosomatischen Beschwerden und körperlichen Erkrankungen führt,
- dass ich versuche, meine offenen und verdeckten Ängste an anderen Menschen abzulassen, um mich auf deren Kosten von der Angst zu befreien,
- dass die Angst, die andere Menschen haben, auf mich übergehen kann, wenn ich es zulasse und deren Denkweise übernehme,
- dass vermutlich alle Menschen manchmal oder oft auf der Suche sind, wie sie ihre Angstprobleme an anderen ablassen können,
- dass überall diese Angst im Hintergrund herrscht, wo Gewalt, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung stattfindet,
- dass die Reichen und Mächtigen offenkundig riesige Ängste haben, dass sie Macht und Reichtum verlieren könnten und dass diese Ängste vielleicht sogar größer sind als die von einfachen Menschen.
Einsichten in die Angst
Aber seit es mir nicht mehr möglich ist, eine Angst, die mir bewusst wird, wieder wegzuschieben oder zu verdrängen und seit mir nichts anderes übrig bleibt, als meine Ängste ohne Widerstand zu beobachten, wenn immer sie auftauchen, kann ich immer deutlicher erkennen,
- dass die Angst immer dann da ist, wenn ich in der konkreten Situation an meine Grenzen komme, dass ich nicht schaffe oder bekomme, was ich möchte oder dass ich körperlich und psychisch verletzlich und sterblich bin,
- dass ich selbst durch diese sorgenvollen Gedanken um mein ICH die Angstproduktionsmaschine in meinem Kopf in Gang setze,
- dass meine Angstgedanken nur Wiederholungen von alten Erfahrungen sind, an die ich immer wieder denke, und dass diese den Kontakt zu der Realität blockieren.
Ich beobachte die auftauchenden Ängste hartnäckig und gründlich, ohne sie bekämpfen, vermeiden oder mir ausreden zu wollen. Aber manchmal muss ich feststellen, dass ich doch wieder in den alten Widerständen gegen die Angst gefangen bin. Gelegentlich finde ich meine innere Ruhe komischerweise wieder, wenn ich noch einmal lese, was ich über die Angstbewältigung geschrieben habe. Angstgefühle können so heftig sein, dass sie den Zugang zur Einsicht, die schon einmal vorhanden war, versperren können. Letztlich mache ich immer wieder die befreiende Entdeckung, dass sich alle Ängste auflösen, auch die existentiellen, wenn ich ihnen nicht mehr ausweiche. Denn dadurch enthüllen sie sich als Produkte des Denkens und nicht als wirkliche Bedrohungen des Lebens.
So erkenne ich,
- dass alle meine psychologische Probleme nicht von außen kommen. Bei der Beobachtung der Angst merke ich, wie meine Gedanken die von außen kommenden Herausforderungen des Lebens in Probleme verwandeln, solange ich mich gegen die Realität des Lebens wehre.
- dass die Angst nicht vor Gefahren schützt wie allgemein behauptet wird, sondern dass sie im Gegenteil in einer wirklichen Gefahr nur störend ist, weil sie meinen Blickwinkel auf meine angstvollen Vorstellungen einengt und ich die echten Gefahren dadurch unterschätze oder falsch beurteile.
- dass die Angst aufkommt, wenn ich mich der Lebendigkeit verweigere, die immer Geburt und Tod nicht nur des Körpers, sondern auch jedes Augenblicks einschließt,
- dass Angst und alle schlechten Gefühle nur da sind, wenn ich mich sorgenvoll mit mir selbst beschäftige,
- dass ein tiefes Wohlbefinden nur durch einen guten Kontakt, durch Verbundenheit mit der Welt, mit anderen Menschen, meinem Körper, mit allem entsteht,
- dass ich mit der Auflösung der Angst alles um mich herum viel sensibler wahrnehme und dass die Freude eine Intensität hat, die ich bisher nicht kannte,
- dass wir uns in liebevollen Beziehungen, soweit wir daran interessiert sind, gegenseitig sehr gut helfen können, der Angst und ihrem ganzen Mechanismus auf die Schliche zu kommen, weil wir das Egohandeln bei anderen besser sehen als bei uns selbst,
- dass die Beziehungen zu nahestehenden und auch zu fremden Menschen völlig konfliktfrei sein können, weil Beleidigung und Enttäuschung keine Angriffsfläche mehr haben, wenn keine Angst da ist,
- dass sich auch in oftmals katastrophalen gesellschaftlichen Umständen intelligente Lösungen für ein harmonisches Leben in diesem Moment ergeben, wenn ich mich nicht von dem Angstmechanismus beherrschen lasse,
- dass der Kampf gegen die Angst Energien kostet, die Beobachtung der Angst jedoch meine Energien freisetzt,
- dass nur die Momente des Lebens ohne offene und verdeckte Angst, die sich z. B. im Stress oder in der Konkurrenz versteckt, wirklich lebenswert sind.
Angst ist nicht intelligent
Eine ganz besondere Bedeutung hat für mich die Entdeckung, dass ein grundlegender Unterschied darin besteht, ob ich in einer wirklichen Gefahrensituation Angst habe oder ob ich mir eine mögliche Gefahr nur vorstelle. Es ist verwirrend, dass für beides derselbe Begriff „Angst“ benutzt wird. Wenn Körper und Geist sich auf eine echte Gefahrensituation einstellen, ist die Intelligenz des Organismus lebendig. Wir handeln unmittelbar in der wirklichen Gefahr, wenn wir z. B. von einem Hund angegriffen werden. Angst ist dagegen ein Zustand, in den ich gerate, wenn ich eine Gefahr vermeiden möchte, die noch gar nicht existiert, sondern von der ich mir vorstelle, dass sie kommen könnte. Dann fange ich an zu denken, was ich tun könnte, falls die Gefahr eintritt. Dieses Denken kann ich beliebig lang fortführen und wiederholen, es hat mit wirklicher Gefahr nichts zu tun. Nachdem mir diese Unterscheidung bewusst wurde, stelle ich fest, dass fast alles, was ich früher als Angst bezeichnet habe, diesen gedanklichen Vorstellungen entspringt.
Außerdem entdecke ich, dass diese Vermischung von intelligenter Reaktion in echter Gefahr mit der Reaktion auf vorgestellte Gefahren ein wesentliches Herrschaftsmittel aller Autoritäten ist. Denn den Menschen wird mit Verweis auf die intelligente Reaktion des Organismus eingeredet, dass Angst eine sinnvolle Reaktion auf eine Gefahr sei, wobei wirkliche Gefahren und erdachte Ängste meistens nicht unterschieden werden. Wenn die Menschen in dieser Verwirrung nicht die Möglichkeit sehen, den Angstmechanismus des Denkens und Erinnerns vollständig still zu legen, müssen sie sich wegen der Angst immer wieder von neuem an die Psychospezialisten oder an Priester oder andere Propagandisten von Hoffnung auf Später wenden, die uns dann helfen sollen, mit der Angst fertig zu werden. Aber es gelingt, wenn überhaupt, nur für den aktuellen Ausdruck von Angst. Wenn man nicht an die Wurzeln der Angstproduktion geht, kommen immer wieder neue Ängste.
Andersleben ohne Angst
Andersleben können wir in jedem Moment unseres Lebens beginnen. Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass wir es nicht „durchhalten“ können, denn die Muster des alten Lebens voll Angst und Egoismus sind so tief verwurzelt, dass wir vermutlich noch oftmals in ihre Abhängigkeit geraten. Aber das Leben lässt sich nicht nach guten und schlechten Zeiten aufrechnen, auch wenn viele Menschen so denken. Es zählt einzig und allein der Moment des Jetzt, der einzige, in dem wir wirklich leben. In jedem Moment entscheidet es sich neu, ob wir harmonisch in Achtsamkeit und Liebe leben oder in der selbstisolierenden Sorge und Angst um das eigene ICH. Das geschieht unabhängig davon, ob ich es bemerke oder nicht. Aber indem ich dafür sensibel bin, sind die harmonischen Momente nicht mehr nur „Zufallsprodukte“, sondern ich öffne mich für die Geschenke, welche die Liebe für mich bereit hält.
Diese andere Art zu leben ist ohne Mühe, ohne Kampf, ohne Anstrengung. Dabei wird man aber nicht träge, sondern man ist energiegeladen, weil die Energie nicht mehr verschwendet wird in der Bekämpfung der Angst.
Immer wieder stelle ich fest, dass sich meine Ängste, gerade auch die großen existentiellen Ängste, wie von allein auflösen, bzw. gar nicht erst entstehen, wenn ich im intensiven positiven Kontakt mit Freunden bin. Aus dieser Beobachtung entstand zusammen mit Freunden die Initiative Andersleben für Menschen, die bereit sind, sich eigenverantwortlich ihren Ängsten zu stellen und Geist und Herz für den Duft der Liebe zu öffnen, die schon da ist und weder gesucht werden muss noch gegeben werden kann.
Depression
Es gibt unendlich viele Theorien über Depressionen. Ich beschreibe im Folgenden einige zentrale Aspekte von meiner Sicht dieser Störung und wie ich sie in der Psychotherapie berücksichtige.
Depressionen beinhalten meistens Verlustängste
Depressionen entstehen in der Regel dadurch, dass Menschen einen Verlust erleiden oder ihn befürchten, mit dem sie sich nicht abfinden können. Entweder kreisen die Gedanken unablässig darum, oder der Betroffene resigniert und wird apathisch. Innere Unruhe deutet eher darauf hin, dass sie oder er in einem Grübelkreislauf über den Verlust gefangen sind, während eine tiefgreifende Resignation zu einer inneren Erstarrung führt, es entwickelt sich ein Stupor, wie der Fachausdruck dazu heißt.
Der drohende oder tatsächliche Verlust kann sehr unterschiedliche Dinge betreffen. Offenkundig und für jeden nachvollziehbar ist es, wenn ein Mensch eine geliebte Person durch den Tod verliert, damit nicht fertig wird und depressiv wird. Aber nicht alles, was wir verlieren, macht uns depressiv. Es muss schon etwas sein, was eine große Bedeutung für uns hat. Es ist meistens das, was uns in unserem Leben am wichtigsten ist. Wenn jemand nur für seine Arbeit gelebt hat und sie verliert, dann kann das für ihn schlimmer sein, als wenn der Partner oder sogar ein Kind stirbt. Dies ist ein Grund dafür, weshalb depressive Menschen sich oft von anderen nicht verstanden fühlen. Denn das, was für den einen Menschen das wichtigste im Leben ist, mag für den anderen keine große Bedeutung haben, und er findet es deshalb nicht nachvollziehbar, warum der andere so leidet.
Der Depressive weiß jedoch oftmals nicht, was ihn so fertig macht. In diesen Fällen ist der tatsächliche oder befürchtete Verlust für ihn so schlimm, dass er im Unbewussten verborgen bleibt, dass der Betroffene dieses Thema gar nicht erst in sein Bewusstsein kommen lässt. Wir können unter dem Verlust von sehr vielen unterschiedlichen und auch sehr subtilen Dingen leiden, was wir womöglich noch auf der bewussten Ebene glatt und mit voller Überzeugung bestreiten.
Unbewusste Ursachen der Depression
Aussichtslose Sehnsucht nach elterlicher Liebe
Viele Menschen sehnen sich in ihrem Inneren zutiefst nach Geborgenheit und Liebe von ihren Eltern und haben das Gefühl, dass sie das nicht oder nicht ausreichend in der Kindheit erhalten haben. Manchmal bleibt diese Sehnsucht ein ganzes Leben lang bestehen, ohne dass es der Person bewusst wird. Der Umgang der Eltern mit dem Kind hat damals so weh getan, dass sie nie wieder daran denken möchten und vor diesen Erinnerungen unbewusst flüchten. Stattdessen reden sie sich ein, dass die Eltern nur gut waren, aber sie als Kind selbst schuld waren, wie sie behandelt wurden, eine häufige Quelle von lebenslangen Schuldgefühlen. Und wenn klar wird, dass diese Sehnsucht nach elterlicher Liebe nicht mehr erfüllt wird, weil die Eltern zu alt, krank oder gar gestorben sind, können Depressionen entstehen. Dass sie ihre Sehnsucht aufgeben müssen, ist ein Verlust in ihrer inneren Gedanken- und Gefühlswelt. Dies halten sie nicht aus, womöglich wollen oder können sie sich auch gar nicht mit dem Problem auseinandersetzen, es bleibt unbewusst. Das Ergebnis eines solchen Prozesses können Depressionen sein, wobei die Betroffenen eine solche Depression als „unbegründet“ erleben.
Früher wurden solche Depressionen, deren Ursache nicht offensichtlich war, als „endogen“ bezeichnet. Heute wird von der Pharmaindustrie immer wieder auf einen gestörten Hirnstoffwechsel verwiesen, der durch Psychopharmaka wieder in Ordnung gebracht wird.
Angst vor dem Tod
Die meisten Menschen haben Angst vor dem Tod. Da der tatsächliche Tod, den jeder von uns erfahren wird, vollständig unbekannt ist, können wir vor ihm auch gar keine Angst haben. Wir haben Angst vor dem, was wir uns unter unserem Tod vorstellen. Fast alle Menschen verbinden anscheinend mit dem Tod den Verlust von den Dingen, die ihnen am wichtigsten sind. Dem einen ist es am wichtigsten, dass er immer über alles die Kontrolle hat – und er befürchtet die vollständige Hilflosigkeit, nämlich lebendig begraben zu werden. Die andere hat ihr Leben für ihre Kinder gelebt – und sie quält sich mit der Vorstellung, dass ihre Kinder nach ihrem Tod ohne ihren Schutz sind. Der eine ist auf seinen scharfsinnigen Verstand so wahnsinnig stolz, dass die Vorstellung, vor seinem Tod dement oder geisteskrank zu werden, ihm Alpträume verursacht. Die andere hat den krebskranken Vater, der unzureichend mit Schmerzmitteln versorgt wurde, gepflegt und hat panische Angst vor einem langwierigen Sterben mit großen Schmerzen. So hat jeder Mensch seine ganz persönlichen Erfahrungen mit Tod und Sterben gesammelt und entsprechende Vorstellungen entwickelt. In unserer Kultur wird die Begrenztheit des menschlichen Lebens, der Tod, meist ausgeblendet, obwohl es natürlich jedem klar ist, dass man irgendwann sterben muss. Wenn eine Person, die sich innerlich gegen das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit wehrt, mit dieser Tatsache in Berührung kommt durch eine eigene Erkrankung, durch den Tod nahestehender Menschen oder vielleicht auch nur durch einen „runden“ Geburtstag, durch den das Altwerden schlagartig bewusst wird, dann entsteht ein innerer Konflikt. Wenn der Verlust der Illusion, dass der Tod immer in weiter Ferne bleibt, nicht akzeptiert werden kann, können Depressionen entstehen. Der Betroffene sagt aber, es gebe keinen Grund für die Depression, weil er die Angst vor dem Tod verdrängt und nicht direkt spürt.
Stoffwechselstörung?
Ich habe mit vielen depressiven Patienten psychotherapeutisch gearbeitet, bei denen Psychiater eine Stoffwechselstörung als Ursache der Depression festgestellt haben. Ich habe in allen Fällen schwerwiegende unbewusste seelische Konflikte feststellen können, bei denen eine Psychotherapie angebracht war. Es gibt viele Beweise, dass der Stoffwechsel im Gehirn von schwer depressiven Menschen tatsächlich gestört ist. Offenbar greift eine Depression in den Stoffwechsel ein. Es spricht sehr vieles dafür, dass die Stoffwechselstörung Folge einer Depression ist, aber nicht ihre Ursache. Die „unbegründeten“ Depressionen sind nicht der Beweis für eine Stoffwechselstörung, sondern zeigen nur, dass die Ursache noch nicht bekannt ist und, wie ich immer wieder beobachtet habe, vermutlich in einem unbewussten Konflikt zu suchen ist.
Wenn Patienten sich ihrer Probleme bewusst sind, weil sie Überforderungen, anhaltende Konflikte und Enttäuschungen im Tagesverlauf erleben und auch darüber berichten können, sind sie oft abends erschöpft und besonders depressiv. Bei diesen Problemen werden seltener Stoffwechselstörungen diagnostiziert, ihnen wird angesichts der offenkundigen Probleme eher eine Psychotherapie empfohlen.
Solche Depressionen jedoch, denen unbewusste Konflikte zugrunde liegen, verursachen schon morgens meist eine unbestimmte Angst vor dem, was an dem neuen Tag auf den Patienten zu kommt. So entsteht das „Morgentief“, das von Psychiatern gern als ein Beleg für eine stoffwechselbedingte Depression herangezogen wird. Gegen Abend geht es meistens besser, weil man ja den Tag fast schon überstanden hat.
Medikamentöse Behandlung
Antidepressiv wirkende Medikamente können in der akuten Not der Depression sehr hilfreich sein, ja sie können lebensrettend sein, wenn der Patient vollständig verzweifelt und lebensmüde ist und aufgrund der Depression nicht mehr zu intensiveren Gesprächen in der Lage ist. Aber auf Dauer, vor allem bei wiederholten Depressionen, trägt eine rein medikamentöse Behandlung dazu bei, dass die Depression chronisch wird, weil die zugrundeliegenden Konflikte nicht angegangen, sondern nur weiter verschleppt werden. Oft werden durch die Nebenwirkungen der Medikamente, z. B. Gewichtszunahme, Konzentrationsschwierigkeiten und Energielosigkeit, die Depressionen noch verschlimmert. Dieser Zusammenhang wird von Ärzten, die die Medikamente verschreiben, aber auch von Psychotherapeuten, die Psychopharmaka gegenüber unkritisch sind, sehr oft nicht gesehen. Der chronische Verlauf wird dann auf die besonders schlimme Stoffwechselstörung geschoben – ein Teufelskreis, dem man nur entkommt, wenn man ihn durchschaut.
Psychotherapie (Depression)
Der Schwerpunkt meiner Behandlung von Depressionen besteht in dem Aufdecken und dem Verstehen des inneren Konflikts und der Verlustängste sowie in der Entfaltung einer positiven Lebensperspektive. Dabei ist es wie bei allen psychischen Problemen wichtig, auf die Bewältigungsgeschwindigkeit und den Verarbeitungsrhythmus der depressiven Person zu achten. Die Berücksichtigung des sozialen Umfelds, evtl. auch die Einbeziehung von Angehörigen ist meistens sinnvoll.
Essstörungen
Essstörungen sind außerordentlich verbreitet. Ich sehe dies im Zusammenhang damit, dass das Essen lebensnotwendig und eine unserer häufigsten Tätigkeiten ist. Wenn in unserem Leben etwas in Unordnung gerät, wenn wir von Konflikten, schlechten Stimmungen, schlimmen Ereignissen gebeutelt werden, dann sind auch alle anderen Lebensbereiche mit betroffen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Essen auch von seelischen Nöten berührt wird. So wie alle anderen Probleme vorübergehend oder andauernd, leicht oder sehr heftig sein können, so können auch die Essstörungen nur eine kleine Episode sein, z. B. nach einer Trennung, oder es ist oder wird ein Dauerbrenner, weil man vielleicht mit einem tieferliegenden Konflikt, der womöglich bis in die Kindheit zurück reicht, nicht fertig wird. Die Probleme können leichterer Natur sein und z. B. zu einem leichten Übergewicht führen. Aber sie können auch so schwerwiegend sein, dass sie sogar lebensbedrohliche Folgen haben, wie das bei extremen Formen der Magersucht der Fall ist. Aber auch ein schweres Übergewicht ist höchst ungesund und kann zum Herzinfarkt, Diabetes, zu Wirbelsäulenbeschwerden, frühzeitigem Verschleiß der Gelenke, zu Ängsten und Depressionen usw. führen.
Ursachen von Essstörungen
Es gibt unendlich viele unterschiedliche Ursachen von Essstörungen, ebenso viele, wie es Probleme im Leben geben kann. Es sollte ärztlicherseits auch abgeklärt werden, ob es eine organische Ursache dafür gibt. Ist dies nicht der Fall, steht hinter einer Störung des Essverhaltens vermutlich ein ungelöstes Problem oder eine ungesunde Lebensart. Eine solche Essstörung liegt aus meiner Sicht dann vor, wenn das Essen zu anderen Zwecken als zur Erhaltung der Gesundheit eingesetzt wird, wie es von der Natur vorgesehen ist und wie es unserem Körper bekommt. Eine entsprechende Krankheitsdiagnose wird allerdings erst gestellt, wenn die Essstörung ein bestimmtes Ausmaß angenommen hat. Ich möchte hier nicht auf diese medizinische Sicht der Diagnosen eingehen, dazu finden Sie in meinem Buch „Essstörungen“ oder auch im Internet weitere Informationen. Stattdessen beschreibe ich einige grundlegende Mechanismen dieser Störungen, die nach meinen Beobachtungen sowohl bei leichten als auch bei schweren Essstörungen eine bedeutende Rolle spielen.
Problemessen bei Konflikten, Stress usw.
Wenn wir nicht achtsam mit unseren Gefühlen und Gedanken umgehen, geschieht es leicht, dass wir eine Enttäuschung, Ärger, Ängste oder andere unangenehme Gefühle nicht wahrnehmen und sie verdrängen. Dann können wir natürlich das Problem, das diesen Gefühlen zugrunde liegt, weder verstehen noch auflösen. Unsere ungelösten Probleme verschwinden von allein nur dann, wenn ihre Ursache in den äußeren Umständen lag und diese sich verändert haben, z. B. der Kummer nach einer Trennung des Partners hört auf, wenn ein neuer Partner da ist. Aber die meisten Probleme haben mit unserem eigenen Denken und Fühlen zu tun. Wenn wir uns damit nicht auseinandersetzen und die inneren Konflikte verdrängen, dann benötigen wir dazu eine Ablenkung von dem Konflikt und verbrauchen dafür auch viel Energie. Da bietet sich das Essen als „gutes“ Fluchtmittel für das Verdrängen an. Meistens verschafft man sich gegen die negativen Gefühle ein angenehmes Gefühl im Mund und im Magen durch das Essen von Speisen, auf die man gerade Appetit hat. Auch Magersüchtige setzen ihr Essen, bzw. Nichtessen für andere Zwecke ein, nur dass sie sich dieses angenehme Gefühl durch Hungern verschaffen, für sie ist es meistens das tolle Gefühl der totalen Kontrolle über ihren Körper. Aber egal, ob man durch übermäßiges Essen, durch bulimische Essanfälle, laufendes nebenbei „Schnuckern“ oder durch magersüchtiges Hungern sich vor seinen Problemen flüchtet, der Effekt ist im Kern derselbe: Man muss nicht mehr an das Unangenehme denken und fühlt erst einmal etwas Angenehmes, auch wenn es später durch sehr negative Gefühle bezahlt wird. Diese Art des Verdrängens ist auch sehr ungesund, wie jedes Verdrängen, auch wenn wir manchmal nicht anders können. Denn das Essen ist dazu da, den Körper gesund und leistungsfähig zu halten. Eine gesunde Ernährung ist eine entscheidende Grundlage für unser Wohlbefinden. Wenn wir beim Essen wirklich auf unseren Körper achten, nämlich darauf, wie das Essen schmeckt und darauf, wann das Sättigungsgefühl eintritt, dann ernähren wir uns gesund. Unser Körper ist nicht dafür eingerichtet, uns aus unseren Problemen zu erlösen. Wenn wir ihn dafür missbrauchen, wird er auf Dauer dadurch krank. Das ist der Preis, den wir für das Verdrängen von Problemen durch Essstörungen bezahlen. Außerdem genießen wir unter diesen Umständen das Essen nicht wirklich, wir schmecken es gar nicht richtig, wenn wir Essen in uns hineinstopfen, um andere Gefühle wegzudrängen. Wer wirklich eine Nahrung genießt, wird weder hastig noch zu viel essen, sondern auf seine Körpersignale achten und dadurch erfahren, was für seinen Körper und sein Wohlbefinden gut ist. Im ungesunden Essverhalten können sich viele unterschiedliche Probleme ausdrücken, z. B. auch Essen unter chronischem Zeitdruck, Mangelernährung aufgrund von Armut oder Unwissenheit.
In der Kindheit entstandene Essprobleme
Es sind aber nicht nur Probleme unseres gegenwärtigen Lebens, die unser Essverhalten beeinträchtigen können. Häufig entstehen Essprobleme schon in der Kindheit oder in der Pubertät. Wenn die Eltern ihren Kindern vorleben, dass sie Konflikte nicht lösen, sondern durch vermehrtes Essen „erträglich“ machen, kann dies dazu führen, dass die Kinder es genauso machen. Manche Eltern, vor allem Mütter, überfüttern ihre Kinder, angeblich, weil sie es gut mit ihnen meinen. Tatsächlich lassen sie aber auf diese Weise nur eigene Ängste, keine gute Mutter zu sein, Gleichgültigkeit oder Unwissenheit gegenüber gesunder Ernährung an den eigenen Kindern aus. Es kann sogar vorkommen, dass sie den Frust über das eigene Übergewicht an ihrer Tochter weitergeben, in dem sie diese dick füttern. Es gibt sogar Fälle, in denen die Mutter eifersüchtig auf die jugendliche Tochter ist, dabei selbst auf die Figur achtet, aber die Tochter immer zum dickmachenden Essen verführt, um so attraktiver neben der Tochter zu wirken. Eine große Rolle spielen auch einfach die Essgewohnheiten oder die Gewöhnung an kalorienreiche Nahrung, die in einer Familie manchmal schon seit Generationen immer weitergegeben werden. Wenn Sie schon in jungen Jahren Probleme mit dem Essen hatten, sollten Sie auf jeden Fall sich einmal mit Ihrer Essgeschichte auseinandersetzen. Denn wenn wir unsere tiefsitzenden Gewohnheiten und Verhaltensmuster nicht durchschauen, bleiben wir ihnen ausgeliefert.
Der Glaube an die Vererbung
Wenn man daran glaubt, dass die Vererbung schuld an einem Problem ist, hat dies bei allen psychischen Störungen, aber auch bei vielen chronischen körperlichen Beschwerden schwerwiegende Konsequenzen. Man glaubt nicht, dass man selbst etwas verändern kann und man liefert sich dadurch zwangsläufig vermeintlichen Fachleuten aus. Es ist eine sehr tiefgreifende Frage, ob man sein Leben und seine Gesundheit in die eigene Hand nehmen will und bereit ist, sich selbst zu verändern oder ob man sich von anderen abhängig macht, die behaupten, die Probleme lösen zu können. Das Versprechen, dass Pillen, Pülverchen, Spezialdiäten, Kuren usw. Ihre Essprobleme lösen können, ist ein einträgliches und dauerhaftes Geschäft mit der ewigen, aber nie erfüllten Hoffnung. Natürlich haben wir Erbanlagen, die die Erfahrung von Tausenden von Generationen gesammelt haben. Aber wir sind keine Automaten, die im Steinzeitverhalten gefangen sind, sondern wir können uns an die veränderten heutigen Lebens- und Ernährungsbedingungen anpassen, vorausgesetzt, dass wir unseren Verstand dazu einsetzen und unser Problemverhalten durchschauen und ändern. Im übrigen scheinen die Essstörungen weniger ein Problem der vererbten Natur zu sein, die ein komplexes Netz geschaffen hat, um den Organismus gesund zu erhalten. Ich habe den Eindruck, dass es mehr unsere Kultur des Essens ist, die so viele Menschen krank macht.
Die Behandlung von Essstörungen
Die meisten Behandlungen von Essstörungen zielen darauf ab, die Störung „wegzumachen“. Wenn man aber nicht dahinter kommt, worin die Störung besteht, wo ihre Wurzeln liegen, wie wir das gestörte Essverhalten erlernt haben, dann sind alle Änderungsversuche nur von kurzer Dauer und dann auch noch sehr anstrengend und meist sehr teuer. Die Grundlage in meiner Therapie von Essstörungen besteht darin, zuerst möglichst gut zu verstehen, was diese Störung eigentlich im Leben eines Menschen bedeutet und wie sie genau funktioniert. Dabei ist sowohl die aktuelle Lebenssituation, die Lerngeschichte und die Gewohnheiten des Essens wie auch die Mechanismen, die in unseren Erbanlagen verankert sind, zu berücksichtigen. Diejenigen, die eine gravierende Essstörung auf Dauer bewältigt haben, haben in aller Regel etwas Wichtiges erkannt und ihr Leben verändert. Es war sicherlich tiefgehender als nur ein Kampf gegen die Pfunde. Auch die Behandlung einer Essstörung sehe ich ganzheitlich, so dass ich alle Lebensbereiche einbeziehe. Das Therapieziel ist nicht ein Idealgewicht, sondern eine gesunde und genussvolle Nahrungsaufnahme, die sich am körperlichen Wohlbefinden orientiert.
Weiterreichende Informationen finden Sie in meinem Buch „Essstörungen“.
Sexualität
Die Sexualität ist eine bedeutende Energie im Leben der Menschen und in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist die Energie, aus der neues Leben entsteht. Sie hat, wie wir alle wissen, weit über den Zeugungsakt hinaus Einfluss auf unser Denken und Fühlen. Die Vorstellungen von Sexualität, die individuell und in unserer Kultur vorhanden sind und vermittelt werden, bereiten den Menschen häufig große Probleme. In weiten Bereichen existiert eine verwirrende Doppelmoral: Einerseits wird die Sexualität als irgendwie schmutzig angesehen, andererseits wird unterschwellig vermittelt, dass im freien Ausleben der Sexualität das Glück zu finden ist. Viele Menschen entwickeln im Zusammenhang mit sexuellen Problemen schwerwiegende psychische Störungen. Besonders belastend wird es, wenn Sexualität mit Gewalt gekoppelt ist, in erster Linie natürlich für die missbrauchten und vergewaltigten Frauen und Männer. In Partnerschaften treten vielfältige sexuelle Probleme auf. Sehr oft wird das gemeinsame sexuelle Erleben beeinträchtigt oder gar verhindert durch negative Einstellungen zum Sex oder durch Ausnutzen sexueller Bedürfnisse zu anderen Zwecken, vor allem aber durch ein gestörtes Verständnis von Beziehung mit rücksichtslosen Erwartungen an den Partner.
Sexualtherapie
Ich habe eine Zusatzausbildung als Sexualtherapeut absolviert und gehe auch in den Therapiegesprächen auf die Sexualität ein, wenn es mir notwendig erscheint. Auch bei diesem Thema berücksichtige ich, worüber der Patient oder die Patientin sprechen möchte. Ich dränge niemandem ein Thema auf, auch nicht die Sexualität. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Patienten in der Regel erleichtert sind, wenn sie merken, dass ich unkompliziert und direkt darüber spreche. Ich vertrete keine Norm, wie Sex zu funktionieren hat, sondern ich versuche die Patienten darin zu unterstützen, ihre Sexualität in ihr Leben zu integrieren. Oft geht es darum, die Sexualität (wieder) genießen zu können. Wenn dies nicht möglich oder gewünscht wird, z. B. aufgrund von Krankheit oder schlimmen Vorerfahrungen, kann auch ein Akzeptieren dieser Situation und ein Abbau der Unzufriedenheit Therapieziel sein. Je nach individueller Problemsituation bin ich auch bereit, den Partner/die Partnerin bei der Behandlung von sexuellen Problemen einzubeziehen.
Die Sexualität selbst ist meistens nicht das eigentliche Problem, auch wenn es beklagt wird. Sondern hinter den sexuellen Problemen verbergen sich oft tiefe Beziehungsprobleme, die nur als ein verdrehtes Verhältnis zur Sexualität erscheinen.
Aus diesem Verständnis heraus behandele ich auch pädophile Patienten, wenn sie bereit sind, sich mit ihren gestörten Beziehungsvorstellungen und den Folgen für die Kinder, auch wenn keine Gewalt im Spiel war, auseinander zu setzen.
Weitere Informationen
Lust, Liebe, Wahrheit
Mann und Frau
sind lustvoll verschieden,
werden immer wieder
verbunden durchs Lieben.
Das ist das göttliche Geschenk
auf Erden.
Es macht Leben erst möglich
inmitten von Leiden und Sterben.
Ich hatt' es verloren,
verdrängt und missbraucht,
das wilde Gefühl
voll Flattern im Bauch.
Ich dacht' nur an sie
und ich glaubte,
sie hätte das Recht
auf meine Lust auch.
Den Mädchen und Frauen
mit Sehnsucht nach mir
wagt' ich nicht wirklich zu trauen
und Antwort zu geben
als Mann in ihr.
Ich richtete damit mich ein,
nie richtig befriedigt zu sein.
In so vielen Jahren
ging Leidenschaft verloren,
glaubte ich, bis ich heute kapier',
sie wird jederzeit wiedergeboren,
indem ich endlich
mit Haut und Haaren verspür'
ohne Grenzen und Scham
Geist und Körper total
ohne ängstliche kleinliche Wahl.
Nicht von der Liebe,
noch von der Lust
ist die Wahrheit zu trennen.
Wer dies nicht glaubt
und es trotzdem versucht
wird weder im Herzen
noch im Geschlecht brennen.
Nur die ehrliche Antwort
lässt Mann und Weib blühen:
Ich geb' mich ihr hin,
wenn es stimmt.
Ist die Hingabe nicht da,
lass ich sie weiterziehen.
Jeder Missbrauch der Leiber
für Besitz, Sicherheit und Macht
schwächt Männer wie Weiber,
bringt kein Herz, das lacht.
Es lässt uns
mit schalen Gefühlen zurück.
Nur wenn Mann und Weib
sich begehren voll Lust,
wächst Liebe neu
und bringt Glück. — W. S.
Stress, Mobbing, Burnout, Trauma
Vorträge und Schriften im PDF-Format zum Download finden Sie auf der Seite Psychologie im Arbeitsleben.
Das Nichtwissen – Der Schlüssel zur Auflösung von Stress
Um die Entstehung von ungesundem Stress nachzuvollziehen und ihn gar nicht erst aufkommen zu lassen, muss man den Unterschied begreifen zwischen den Anforderungen, die von außen an uns gestellt werden, und der eigenen Reaktion darauf. Dass von außen oft Druck auf die Beschäftigten am Arbeitsplatz ausgeübt wird – durch Vorgesetzte oder durch die Arbeitsanforderungen selbst –, daran wird sich so schnell nichts ändern. Im Gegenteil, der Druck scheint immer mehr zuzunehmen, wie eine Spirale ohne absehbares Ende. Viele Beschäftigte haben sich deshalb mit ihrem chronischen Stress abgefunden. Aber dann nehmen Unzufriedenheit und psychosomatische Erkrankungen für sie zu, während zugleich die Lebensqualität abnimmt.
Wer unter zunehmendem Druck in der Arbeitswelt steht und gesund bleiben will, muss diesem Druck von außen neue Antworten geben. Der Mechanismus der Verwandlung von Außendruck in Innendruck wurde so dargelegt, dass die Teilnehmer dies bei sich selbst beobachten konnten und dies auch getan haben. Diese Selbsterfahrung ist nach meinem Verständnis auch notwendig. Denn eine wirkliche Veränderung des eigenen Verhaltens erfolgt erst dann, wenn die eigenen inneren Prozesse besser verstanden werden, wenn wir uns also selbst besser verstehen. Dann sind wir nicht mehr in automatischen Gewohnheiten gefangen. Wenn wir merken, wie der Außendruck nach innen eindringt, wenn wir merken, wie es uns schlechter geht, führt dieses Bewusstwerden zu einem neuen, gesünderen Handeln.
„Die Stille des Geistes“ und „die Intelligenz des Nichtwissens“, mit denen ich die Teilnehmer vertraut gemacht habe, sind keine esoterischen Glaubenssätze, sondern bieten sehr hilfreiche Einsichten in die Funktionsweise unseres Gehirns. Vor allem aber verändern sie direkt unser aktuelles Denken, Verhalten und die Körperreaktionen. Ratschläge und Erklärungen, die nur den Intellekt ansprechen, führen nicht zur Veränderung unserer Verarbeitungsprozesse und unseres Verhaltens. Erst die erlebte Erleichterung durch neue emotional entlastende Erfahrungen bringt uns auf einen neuen Weg.
In einem Seminar mit Arbeitsmedizinern auf dem Freiburger Symposium 2014 bot sich den Teilnehmern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung des Nichtwissens. Ich habe es auf dem Hintergrund meines psychotherapeutischen Verständnisses konzipiert und berichte im Folgenden über die Konzeption und den Ablauf des Seminars.
Im ersten Teil des Seminars habe ich den Teilnehmern diese Zusammenhänge erklärt und anschließend die Kernaussagen als PowerPoint-Präsentation zur stillen, unkommentierten Nachbetrachtung angeboten. Im Folgenden stelle ich diese Präsentationen mit Erläuterungen vor, soweit sie nicht selbsterklärend sind. Anschließend berichte ich über den Selbsterfahrungsteil des Seminars.
Teil 1: Das Grundverständnis
1. Den Blickwinkel ändern
Ohne Selbsterkenntnis gibt es keine einzige persönliche Veränderung.
Selbsterkenntnis erfordert Ablehnung jeglicher Autorität im Feld der eigenen Psyche.
Anmerkung: Wenn ich einfach übernehme, was andere über mich denken, ohne eigene Prüfung, erzeuge ich einen inneren Konflikt zwischen dieser Fremdmeinung über mich und dem eigenen Erfahrungswissen, das in jedem Gehirn vorhanden ist.
Eine Meinungsänderung ist oberflächlich und ändert nichts im Erleben. Das Beobachten der inneren Gedanken und Gefühle führt zu einer tatsächlichen Änderung, wenn ich merke, welche ungesunden Prozesse in mir ablaufen.
Unser Gehirn ist hochkomplex, perfekt und fehlerfrei. Es arbeitet so, dass es uns jederzeit möglichst gut geht.
Anmerkung: Allerdings ist es auch konditioniert durch vergangene Erfahrungen, übernommene Ideologien und Meinungen anderer. Deshalb kann es schon merkwürdige und gefährliche Reaktionen produzieren.
Unser Gehirn soll aber funktionieren, wie andere es wollen. Zu diesem Zweck wird es durch Belohnung und Bestrafung konditioniert.
Anmerkung: Wenn diese Konditionierungen durch Fremdbestimmung erkannt werden, verlieren sie ihre Wirksamkeit, und Selbstbewusstsein entsteht. Natürlich gibt es auch Konditionierungen, die hilfreich sind und uns durch die dadurch entstandenen automatisierten Abläufe das Leben erleichtern. Diese sind jedoch nicht psychisch belastend.
Große wie kleine psychische Störungen entstehen, wenn ich anders sein will, als ich bin. Das ergibt einen inneren Konflikt zwischen der Tatsache, wie ich bin, und dem Wunsch, anders zu sein. Ich will anders sein, weil ich gelernt habe, dass ich nicht so sein darf, wie ich bin.
Wenn immer diese alten Erfahrungen sich in unser Leben einmischen, geht es uns schlecht, dann erzeugt das Gehirn Ängste und andere negative Gefühle, die uns unter Druck setzen.
Die negativen Gefühle schreien: Höre doch endlich auf, dir etwas vorzumachen, anders sein zu wollen, als du bist. Solange du das nicht kapierst und nicht auf den Boden der Tatsachen kommst, werde ich, dein Nervensystem, dich nerven.
Wenn ich aufhöre, anders sein zu wollen, kann das Gehirn endlich in Ruhe seine Arbeit tun: Dafür sorgen, dass es mir gut geht und jeder Lebenssituation eine einzigartige optimale Antwort geben.
Anmerkung: Die entscheidende Botschaft ist also, dass wir das Nachdenken über psychische Belastungen als eine Sackgasse erkennen, die das Problem nur vergrößert. Hingegen ist das Beobachten der eigenen inneren Prozesse auf Grundlage dieses neuen Verständnisses der Schlüssel zur Auflösung von Stress und anderen psychischen Belastungen.
2. Stress und Burnout
Stress ist die Kluft zwischen Erwartungen und der Realität und der Versuch, die Realität den Erwartungen zu unterwerfen, auch dann, wenn man die Realität nicht verändern kann.
Der sinnlose innere Kampf bringt den Körper in einen Zustand dauernder Anspannung, die nicht gelöst werden kann. Das macht krank. Das Ansammeln ungelöster Kämpfe über längere Zeit macht das Gehirn irgendwann nicht mehr mit, weil es merkt, dass es sinnlos ist. Das ist Burnout: Nichts geht mehr.
3. Das Wissenwollen
Das Bedürfnis, etwas wissen wollen, entsteht, wenn ich etwas nicht weiß, ich dies aber wissen will. Dann muss ich auf Entdeckungsreise gehen.
Anmerkung: Dies gilt auch für den Fall, dass ich nicht weiß, was in mir mit meinen negativen Gefühlen los ist und ich deshalb im Grübeln, d. h. inneren Wälzen von alten Erfahrungen, gefangen bin.
Selbsterkenntnis als Entdeckung von neuen Einsichten geschieht nicht durch immer mehr Nachdenken = Grübeln, sondern durch Beobachten der inneren Prozesse.
Zwei fundamentale Dinge, die wir nicht wissen können, wollen wir aber gern wissen und erzeugen oft diesen inneren Konflikt. Darauf werden wir durch negative Gefühle sehr direkt hingewiesen:
- Wir wollen Sicherheit für die Zukunft haben. Um dies zu erreichen, bemühen wir uns auch in jeder mitmenschlichen Konfliktsituation, andere zu steuern, genauso wie andere es mit uns tun, damit möglichst „nichts Schlimmes“ passiert.
- Wir wollen Sicherheit haben, dass die anderen Menschen gut zu uns sind. Wir wollen wissen, was sie denken, um sie selbst in unserem Interesse zu steuern. Unsere psychischen Konflikte mit dem Mitmenschen (nicht die sachlichen!) sind unsere eigenen inneren Konflikte.
Anmerkung: Diese ersehnte Kontrolle über die Zukunft und über das Verhalten anderer Personen werden wir niemals bekommen. Solange wir dies nicht akzeptieren, wird es uns schlecht ergehen, weil wir mit dieser Realität immer wieder hadern. Wenn wir diese Zusammenhänge erkennen, suchen wir nicht mehr die Lösung von psychischen Belastungen im Sicherheitsdenken. Wir erkennen die Unsicherheit der Zukunft und des Verhaltens anderer Menschen als Tatsache an und bewältigen die konkreten Situationen durch Beobachtung.
Ich weiß, dass ich nichts weiß, ist die höchste Form der Intelligenz.
Anmerkung: Philosophen wie Sokrates oder Lao Tse haben diese Weisheit, mit der Tatsache des Nicht-Wissens ohne Widerstand zu leben, schon längst erkannt. Ich finde, es wird Zeit, dass diese Erkenntnis selbstverständlicher Teil unseres Alltags wird. Geben wir den hoffnungslosen Versuch auf, jederzeit für andere bereit zu sein, und/oder vollständige Kontrolle und Perfektionismus zu erreichen? Werden wir aufhören, uns dem Psychoterror, genannt Stress, zu unterwerfen?
Teil 2: Die praktische Erfahrung
Mit einem Teilnehmer, der sich bereitwillig zur Verfügung gestellt hat, wurden die Konsequenzen dieser veränderten Denkweise praktisch demonstriert.
Ich habe ihn gebeten, sich eine Stresssituation vorzustellen und so intensiv wie möglich dieses unangenehme Gefühl zu spüren.
Dann habe ich ihn aufgefordert, „ins Nichtwissen zu gehen“. Das bedeutet, dass er sich bewusst macht, dass diese Stresssituation (übrigens wie jede andere Stresssituation ebenfalls) eine Situation des Nichtwissens ist, entweder des Nichtwissens, was geschehen wird, oder des Nichtwissens, wie andere sich verhalten werden.
Ergänzend habe ich ihn dann ermutigt, zu fühlen, wie es ihm mit dem Bewusstwerden vom Nichtwissen ergeht. An diesem Punkt empfindet er (übrigens wie die meisten Menschen, mit denen ich so gearbeitet habe) erst einmal Widerstand in der Form, dass Einwände hochkommen, z. B. „dann fühle ich mich hilflos“, „aber ich will das nicht akzeptieren“, „die andere Person wird bestimmt so, wie immer, reagieren, deshalb weiß ich doch, was passiert“. Mit kurzen Hinweisen machte ich klar, dass diese Gedanken immer noch aus dem Wissenwollen kommen. Außerdem ist es notwendig, den Mechanismus zu verstehen, dass die anderen meist genau so wie bisher reagieren, weil auch ich in derselben Erwartungshaltung bin. Wie sich aber der Umgang miteinander verändert, wenn eine Seite eine neue Haltung einnimmt, nämlich, ich weiß nicht, was gleich unter uns geschieht, das wissen wir in der Tat wirklich nicht. Es ist das Tor zu einem neuen Miteinander.
Indem alle durch Konditionierung erlernten Widerstände gegen das Nichtwissen hochkommen dürfen, ausgesprochen und betrachtet werden, lösen sie sich auf. Denn das Gehirn kann und wird sich nicht gegen Tatsachen, die es real in der Gegenwart sieht, auf Dauer wehren. Genau das geschah auch in der Demonstration:
Dann tritt der entscheidende Effekt auf, der das Bewusstsein verändert: Eine innere Ruhe, die, wie auch in diesem Fall, meistens mit einem Lächeln, manchmal sogar mit einem lauten Lachen, einhergeht. Dann sieht der Betreffende die Wahrheit des Nichtwissens und ist nicht in der Lage, sich wieder unter Druck zu setzen.
Der Test „Bitte gehen Sie jetzt wieder in die ursprüngliche Stresssituation zurück und fühlen Sie, wie sehr Sie genervt sind“ bestätigt den Erfolg. Es funktioniert nicht mehr, in diesem Bewusstsein sich stressen zu lassen. Diese neue Erfahrung auf allen drei Ebenen – rational, emotional und körperlich gefühlt – verändert die Einstellung und wird nicht mehr vergessen. Wieweit sie den Alltag beeinflussen wird, ist – wie alles in der Zukunft – unbekannt. Denn es hängt davon ab, wie tief diese Erfahrung gewirkt hat und ob die Akteure in den konkreten Situationen ihre Stressreaktionsmuster ernsthaft beobachten.
Nach der Demonstration des Fühlens des Nichtwissens mit einem Teilnehmer habe ich die gesamte Gruppe angeleitet in das Nichtwissen zu gehen, nachdem jeder für sich an eine Stresssituation gedacht hat. Dieses Vorgehen mit einer Gruppe von ca. 25 Personen war für mich ein Experiment. Etwa dreiviertel der Teilnehmer berichteten danach, dass sie diesen befreienden Punkt erlebt haben. Erstaunlich war für mich die neue Erfahrung, dass ich gar nicht die Widerstände der einzelnen besprechen musste, sondern dass dies jeder für sich selbst machen kann. Die Frage, warum es bei den Übrigen nicht so gelaufen ist, bleibt offen.
Zur Vertiefung wurde anschließend der einundsiebzigste Spruch aus „Die Bahn und der rechte Weg des Lao Tse“ besprochen:
„Sein Nicht-Wissen wissen ist Hoheit
Sein Nicht-Wissen nicht wissen ist Krankheit.
Die Krankheit erfühlen heißt sie nicht mehr haben.
Der Vollendete ist frei dieser Krankheit.
Er fühlt sie, also hat er sie nicht.“ — Der chinesischen Urschrift nachgedacht von Alexander Ular, Leipzig 1913
Weitere Hinweise dafür finden sich bei Sokrates: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Da ich weiß, dass ich nicht weiß, weiß ich mehr, als diejenigen, die glauben zu wissen.
Oder bei Jiddu Krishnamurti (1895 – 1985): „Der stille Geist ist wie ein vollständig ruhiger See.“ Beide spiegeln die Realität vollständig wieder. Der stille Geist legt damit die Grundlage für ein optimales Handeln in der Realität.
Aus all dem ergibt sich meine Schlussfolgerung für das Handeln in Stressituationen
Der gesunde Dreisatz
- Man kann immer nur eine Sache tun!
- Man muss immer das tun, was man selbst für richtig hält!
- Ins Nichtwissen gehen, wenn man merkt, dass man nicht weiß!
Dann ist Kontakt zu den Empfindungen da, die „sagen“, was am besten zu tun ist.